Recherche

•So, 21. Juni 2009 • Kommentar schreiben

Zur Eindämmung meiner fortgeschrittenen Prokrastination sah ich heute meine gesammelten Aufgaben durch. Dabei bemerkte ich, dass ein Schreibwettbewerb übernächste Woche Einsendeschluss hat. Natürlich fiel mir sofort dazu der Plot einer Geschichte ein, das gelingt mir immer, wenn die Zeit schon recht knapp ist. Ich weiß noch nicht, ob das ein Selbstschutzmechanismus ist – entweder reicht die Zeit überhaupt nicht für eine Geschichte aus oder ich kann sie nicht ad infinitum bearbeiten – oder einfach ausgeprägte Aufschieberei gepaart mit großer Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit. Auf alle Fälle stellte ich bei der Recherche fest, dass in der Nähe meines Wohnortes die Geburtsstätte der Frau des berühmten Astronomen Johannes Kepler lag. Die Neugierde hatte mich gepackt und ich setzte mich in das Auto meiner Frau und fuhr hin.

062109_2140_Recherche1.jpgDie Ortsangabe war in dem Artikel sehr vage, eine Wegbeschreibung hatte ich mir nicht heruntergeladen und mein Navigationssystem war auch zu Hause geblieben. Ich glaubte, zumindest den Straßennamen zu wissen, aber wie ich später feststellte, war das ein Irrtum. So fuhr ich durch das Dorf ohne irgendeine Vermutung, wo das Gebäude sein könnte. Schließlich wendete ich und fragte einen Einheimischen. Zum Glück wusste ich noch, dass das Anwesen jetzt als Lehrlingsheim diente. Er beschrieb mir den Weg und ich musste halbwegs zurück nach Hause fahren, bis ich zur richtigen Abzweigung kam. Natürlich hieß der Weg “Weg” und nicht Straße, wie ich in die GPS-Karte meines Handys eingegeben hatte. Auch der Ort hatte den Namen gewechselt.

062109_2140_Recherche2.jpgIch umrundete das Gebäude und machte unter den suspekten Blicken der gerade eintreffenden Lehrlinge und ihrer Eltern von allen Seiten Fotos. Eine große Gedenktafel wies auf das denkwürdige Ereignis vor mehr als vierhundert Jahren hin (an unserer Stadt ging es spurlos vorüber). Als ich die Nebengebäude fotografierte, trat gerade eine Frau mit ihrem Hund in den Garten. Ich sprach sie an, was sie sehr beruhigte, weil sie geglaubt hatte, dass ich zu sinisteren Zwecken ihre im Garten stehenden Autos abgelichtet hatte. Sie konnte mir einiges aus der Gegend erzählen, zusammen mit meinen schon gewonnenen Erkenntnissen ergab sich für mich ein stimmiges Bild, das ich jetzt in eine Kurzgeschichte umsetzen möchte.

Diese schnelle Recherche am Ort des historischen Geschehens hat mir sehr viel Spaß gemacht. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sich schnell zu so etwas aufrafft. Aber das einigermaßen erträgliche Wetter und die Nähe haben die Überwindung leicht gemacht. Auch ein Weg, die Aufschieberitis zu überlisten. Allerdings frage ich mich, ob ich mich damit nicht vor etwas anderem gedrückt habe und wenn ja, wovor?

Kreativität

•So, 14. Juni 2009 • Kommentar schreiben

Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio einen Teil einer Sendung über Kreativität. Der Psychologe Andreas Fink kann Kreativität im Gehirn orten und stellte fest, dass bei kreativen Leistungen das gesamte Gehirn aktiv wird. Da ich mich in meinem Beruf mit begabten Kindern beschäftige, sah ich hier einen Zusammenhang zur Intelligenzforschung – die übrigens am selben Universitätsinstitut betrieben wird. Die Forschungsgruppe nennt sich differentielle Psychologie und machte wissenschaftlich mit der Taxifahrer-Studie von sich reden, wo sie zeigen konnte, dass intelligente Menschen beim Lösen von schwierigen Problemen ihr Gehirn effizienter einsetzen. Das erhärtet die alte Annahme, dass Intelligenz ohne Kreativität möglich sei, umgekehrt aber nicht. Was machen also Leute, die kreativ arbeiten wollen, sich aber als nicht intelligent betrachten?

Zunächst einmal: Intelligenz ist nicht fixiert, sie kann sich in jedem Alter wandeln. Natürlich wird es immer schwieriger, an seinen Potenzialen zu arbeiten, aber man kann sie selbst im hohen Alter noch verbessern. Sehr erwünschter Nebeneffekt: Dieselben Übungen dienen auch der Vorbeugung von Alzheimer. Was kann man also tun?

  1. Setzen Sie Ihr Gehirn so oft wie möglich ein. Vermeiden Sie dabei Passivität: Lesen ist besser als Fernsehen, Gehen oder Laufen beim Denken besser als Sitzen. Lernen Sie Ihren Einkaufszettel auswendig. Löschen Sie den Telefonnummernspeicher Ihres Handys. Spielen Sie Sudoku.
  2. Erfreuen Sie sich daran, wie mühelos Ihr Gehirn lernt: Gedichte, Balladen, Lieder, Fremdsprachen. Selbstmotivation (”Intrinsische Motivation”) bringt Sie in den “Flow”, in dem die Zeit wie im Flug vergeht und Sie gar nicht mehr aufhören wollen. Die Wirkung auf den Körper ist ähnlich einer Droge!
  3. Kombinieren Sie Erfahrungen: Lesen Sie in der Natur, Schreiben Sie an ungewöhnlichen Orten (Flughafen, Schwimmbad). Setzen Sie sich in eine Ausgrabung und stellen Sie sich vor, wie Sie hier vor 2000 Jahren gelebt hätten. Besuchen Sie einen Töpferkurs.
  4. Träumen Sie! Sollten Sie zu den Leuten gehören, die meinen, nicht zu träumen: Lernen Sie, Ihre Träume festzuhalten. Im Traum kombiniert Ihr Gehirn nicht zusammengehörige Gedächtnisfetzen und löscht danach Verknüpfungen. Holen Sie diese kreativen Produkte bewusst zurück. Verwenden Sie dazu ein Traumtagebuch, das neben Ihrem Bett liegt. Schalten Sie den Wecker ab und lassen Sie sich von Ihren Träumen wecken. Schreiben Sie sie gleich auf.

Natürlich dauern diese Übungen. Nach längerer Zeit (mindestens einige Monate – bei mir stellten sich erste vereinzelte Erfolge nach drei Monaten ein) werden Sie dafür mit einer Fülle an neuen Perspektiven und Mut für Veränderungen belohnt.

Zeitfresser

•Sa, 6. Juni 2009 • 1 Kommentar

Kennen Sie die Zeitfresser? Das sind kleine Tätigkeiten, die Ihnen die Minuten des Tages stehlen, ohne dass Sie es merken. Manche davon wachsen sich zu regelrechten Monstern aus, wie zum Beispiel das “Nur-kurz-die-Tagesschau-gucken”, das für mehrere Stunden fernsehen sorgt. Erst nach Mitternacht wird einem die verstrichene Zeit bewusst.

Oder das “Kannst-Du-mir-kurz-helfen”, das häufig auch einige Stunden verschlingt. Wenig harmloser sind das “Schnell-die-Zeitung-durchblättern” oder das “Der-Ausguss-muss-mal-wieder-gereinigt-werden”. Mit mehr Lustgefühl verbunden sind das “Nur-ein-kleines-Spielchen” oder das “Kurz-in-den-Chatroom-schauen”. Zu dieser Kategorie gehören auch das “Schnell-die-E-Mails-checken” und das “Dieser-Link-klingt-interessant”.

Ihnen gemeinsam ist, dass sie uns von unseren wichtigen Aufgaben abhalten. Daher ist es wichtig, seine eigenen bevorzugten Zeitfresser zu kennen. Oft steckt hinter diesen ein Suchtpotenzial, das zu kennen präventiv wirken kann. Doch wie kommt man ihnen auf die Spur? Wie bei jeder Jagd braucht man dafür Zeit. Zeit, um Zeitfresser zu finden, klingt widersinnig, aber diese Zeit ist gut investiert, kann sie doch zur Beseitigung der Zeitfresser führen.

Also gehen wir auf die Jagd nach Zeitfressern: Unsere Waffe ist ein Blatt Papier und eine Uhr. Wir tragen den Beginn und das Ende jeder Tätigkeit in dieses Blatt Papier ein (Dauer pro Tätigkeit ca. 10 s). Doch Vorsicht: Bei zu großer Sorgfalt kann sich dieses Protokoll auch zum Zeitfresser auswachsen! Am besten nehmen wir dazu einen normalen Arbeitstag, einen mit großer Belastung, einen mit geringer Belastung und zwei freie Tage, vielleicht einen Samstag und einen Feiertag. Idealerweise sollte diese Tage auch noch über die Woche verteilt sein. Das erhaltene Profil müssen wir noch auswerten. Das geht am schnellsten mit farbigen Textmarkern: Grün für wichtige Aufgaben, denen wir uns widmen wollten und/oder mussten, gelb für nicht so wichtige, aber trotzdem notwendige Aufgaben, und rot für alles andere. Und jetzt zählen wir die rot markierten Tätigkeiten und berechnen die dafür aufgewendete Zeit. Erschreckend, nicht wahr?

Meistens haben diese Zeitfresser mit den Wünschen und Bedürfnissen anderer zu tun. Das wichtigste Hilfsmittel im Kampf gegen sie ist das kleine Wort “Nein”. Wenn also wieder jemand einen Zeitfresser an Sie heranträgt, wehren Sie ihn ab: “Im Moment nicht”, “Vielleicht später” und “Ich habe Kopfweh” sagen dasselbe aus, klingen aber viel umgänglicher. Viel Erfolg dabei!

Zeit ver-managen

•Sa, 30. Mai 2009 • Kommentar schreiben

Wie viel Zeit kann man mit dem Planen und Zeit-Managen verbringen? Aus Erfahrung kann ich sagen: jede Menge! Ein kleiner Einblick in meine Tätigkeiten der letzten Woche:

  • Im Internet fand ich eine Verbindung der GTD-Methode mit Outlook und probierte sie gleich aus, aber sie entsprach nicht meinen Erwartungen.
  • Daher begann ich, Makros für Outlook zu schreiben, um meine bereits eingetragenen 274 Aufgaben in Projekte oder erste Schritte umzuwandeln – was nicht wenig Zeit kostete. Besonders, da ich bereits wieder vergessen hatte, dass ich schon Kategorien bearbeitet hatte und infolgedessen einige Zeit mit Recherche verbrachte, statt Programmteile zu kopieren…
  • Auch das Weiterlesen im Buch (Zeitmanagement mit Outlook, siehe unten) und
  • das (mehrmalige) Anhören von “Wenn Du es eilig hast, gehe langsam” beim Fahren im Auto brachte keine wirkliche Weiterentwicklung hin zum Bearbeiten. Wie Johannes Kleese in seinem Blog “Getting Nothing Done” schrieb, kann man mit GTD alles geregelt bekommen, aber erledigen muss man es immer noch selber.
  • Also setzte mich am Sonntag hin und begann eine “Schneeflocke” (eine deutsche Zusammenfassung erschien im “Textart” 2/2008 – und wie ich die Nummer in den alten Heften suchte, fand ich einen Artikel im 4/2008 “Zeitmanagement für Autoren”, den ich natürlich sofort – noch einmal – lesen musste!) für eine Geschichte zu entwickeln, die mir schon längere Zeit im Kopf herumgeht. Diese Geschichte entwickelte sich bis Dienstag ganz gut.
  • Mittwoch war ich in der Arbeit sehr angehängt (immer eine wunderbare Ausrede),
  • Donnerstag auch und noch von der Familie vereinnahmt (noch bessere Ausrede) und
  • Freitag beim Schreibstammtisch – also ruht sie seitdem.
  • Immerhin habe ich Donnerstag und Freitag jeweils eine Seite zum Thema “Warum ich heute nicht weitergeplottet habe” geschrieben – manche sagen, im Schreibfluss bleiben sei alles…

Ich habe viele Gegner der “Schneeflockenmethode” im Netz gefunden (z.B. hier), stellte jedoch fest, dass ich nach Szenenplanung gut schreiben kann (das “gut” bezieht sich auf “kann”, da mein Schreiben noch nicht von der Öffentlichkeit beurteilt werden kann). Ich sehe eine Szene vor meinem “Inneren Auge” und kann sie wie einen Film ablaufen lassen – nicht jede Szene, aber mit der Zeit immer mehr. Also schaue ich mir die Szenenplanung an und schreibe die Szene, die einen Film in mir ablaufen lässt. Die “Schneeflocke” ist für mich ein gangbarer Weg, zu dieser Szenenplanung zu kommen.

Was plane ich in nächster Zeit? Weiter mit Zeitplanung zu arbeiten und hoffentlich bald aus der “Mindsweep”-Phase in die “Review”-Phase der GTD-Methode zu kommen: Alle “losen Enden” zugeordnet und aus den “Kontextlisten” genügend Schritte zur Abarbeitung meiner 274 aktiven Aufgaben erledigt zu haben. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein paar Aufgaben und Termine eintragen, die mir gerade eingefallen sind…

Autorentreffen Nürnberg 2009

•Fr, 22. Mai 2009 • 2 Kommentare

Ein zweites Mal über ein Ereignis zu schreiben fällt mir schwerer als gedacht. Irgendwie soll es doch ein Bericht – auch als eigene Gedächtnisstütze – sein, irgendwie aber auch etwas Neues, ich möchte ja eventuelle Blog-Leser nicht langweilen. Dazu kommt, dass ich dieses Blog nach zwei Tagen ohne Schreiben (natürlich mit guten und akzeptablen Ausreden) erstelle, offline, weil ich in meinem Hotel in Nürnberg sitze, und spät am Abend, weil wir bis jetzt noch zusammengesessen sind. Veröffentlichen konnte ich es aber leider erst in der Früh, weil mein Roaming nicht frei geschaltet war.

Von Anfang an erschien mir dieses Treffen wesentlich lockerer als das erste, vielleicht lag es an mir, weil ich mich doch als eher introvertierten Typ sehe, aber sicher auch daran, dass mich Ursula Schmid-Spreer bereits beim Betreten der Grauersche Antiquariatsbuchhandlung mit “Hallo Gerhard, schön, dass Du wieder dabei bist” begrüßte. Als sie mir mitteilte, dass die Wiener schon da wären und noch draußen wartete, war ich leicht irritiert: Ich wusste zwar von vier Grazern, aber Wiener?

Es stellte sich heraus – und ich gestehe, dass ich mich auf die Vortragenden nicht vorbereitet habe – dass diesmal zwei Autoren lesen würden: Edith Kneifl kommt wirklich aus Wien und schreibt für einen österreichischen Verlag Kriminalromane. Sie führte uns in die Abgründe des Attersees und seiner Umgebung ein. Wie sie vorher schon androhte, schreibt sie wirklich knallharte Psychothriller und weckte die Leselust in uns.

Titus Müller las kurz aus seinem schon 2003 erschienenen Buch “Die Priestertochter” (über ein slawisches Volk und seine grausamen Riten), das er heute ganz anders schreiben würde. Da er zu diesem Buch keine Beziehung mehr hat – er recherchiert bis zu einem Jahr und schreibt dann als Spezialist sein Buch, danach macht er den Kopf frei für das nächste – erheiterte er uns noch mit ein paar Geschichten aus seinem Leben, wie er sie in seinem Weblog beschreibt. Als bekennender Eisenbahn-Fan begeisterte mich seine Erzählung über den Sprung in den gerade abfahrenden Zug, der nach ein paar Metern mit geschlossenen Türen am Abstellgleis stehen blieb. Titus wusste sich zu helfen und rief die Bundesbahn-Hotline an, deren Nummer in allen Zügen angebracht ist – ein Lokführer musste ihn aus dem Zug holen und über die Gleise führen. Nachzulesen sind diese Geschichten in zwei kleinen Bändchen über die Widrigkeiten des Lebens.

Edith und Titus standen dann noch für Fragen zur Verfügung. Auch Titus hatte Fragen an Edith. Dann lud Ursula noch zu einem “Absacker” in die Kellerbrauerei “Barfüßer”.

Heinz Spreer begrüßte mich beim Aufbruch mit einem festen Händedruck und “Mein Freund, der Blogger”, was mich sehr freute, besonders im Hinblick auf meine in diesem Blog schon mehrfach beschriebenen Probleme mit dem regelmäßigen Schreiben.

Da nach diesem Ausflug der Abend für Österreicher noch jung war und wir so kurz vor Mitternacht nicht schlafen gehen wollten, suchten Gerry und ich noch den Nürnberger Perry-Rhodan-Stammtisch – “suchen” ist der falsche Begriff im Zeitalter (fast) unfehlbarer Navigationsgeräte. Im Lokal spielten noch vier Leute ein Kartenspiel und zwei sahen fern, die, die wir suchten, waren aber “schon lange” gegangen.

Nach dem üblichen guten (und für mich eigentlich bescheidenen) Frühstück – was nicht am Hotel lag, sondern an meiner Unzufriedenheit mit meinem Gewicht – spazierte ich durch die mir mittlerweile vertraute Nürnberger Altstadt zum Bildungszentrum. Gerry und Andrea hatten mir schon einen Platz besetzt, Paul kam auch dazu. Mit Tee und Saft gestärkt, folgten wir der Eröffnung des Autorentreffens durch Ursula Schmid-Spreer.

In bereits gewohnt launiger Rede informierte sie uns über diverse Statistiken, die sie zum Treffen erstellt hatte. An den verbrauchten 360 Schwarzteebeuteln war ich sicher beteiligt, an den vierzig Litern Milch nicht, obwohl davon allein zwölf im Vorjahr anfielen, wahrscheinlich schon an den mehreren tausend Klopapierrollen und Papierhandtüchern, die das Bildungshaus anscheinend einzeln in Rechnung stellte.

Edith Kneifl eröffnete den Vortragsreigen und erläuterte uns die Hintergründe der Beziehung des Autors/der Autorin und des Lesers/der Leserin zu den einzelnen Figuren aus psychoanalytischer Sicht – sie ist ausgebildete Psychoanalytikerin (”sechs Jahre Couch viermal die Woche” macht ungefähr 1200 Sitzungen) und praktiziert in Wien. Beim Abschlussbeisammensitzen im Literaturcafé fragten wir sie, ob sie Personen und Vorfälle aus der Therapie zum Schreiben verwende: Nein, weil sie keine Verbrecher therapiert. Allerdings informiert sie jeden Patienten vor Beginn der Therapie über ihren Zweitberuf und fragt ihn, ob ihn das nicht störe – Patientinnen selbstverständlich auch.

Edith hielt sich streng an ihre Rauchpausen – wie sie mir beim Gang zum Mittagessen erklärte, ein Relikt aus der “oralen Phase” – was mir asthmatischen Nichtraucher Gelegenheit zu Gesprächen mit anderen Teilnehmern gab. Ich liebe diese Gespräche und halte sie für einen ganz wichtigen Punkt des Autorentreffens.

In der Schlussdiskussion zu ihrem Vortrag stieß insbesondere das Konzept der Urszene als Grundlage aller Kriminalgeschichten auf große Beachtung: Das sehr kleine Kind beobachtet zufällig geschlechtliches Beisammensein von Erwachsenen, insbesondere der Eltern. Es reagiert darauf mit Ängsten, aber auch ödipalen Verhaltensweisen und Schuldkomplexen. Selbst Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, sollen diese Szene in ihren Phantasien ausleben – mit den gleichen Nebenwirkungen. Dieses Konzept diskutierten wir am Abend auch noch einmal.

Doch auch der Einblick in ihre Arbeitsweise, den sie uns gewährte, war spannend: Zum Beispiel, dass sie aus Kurzgeschichten zu einem Thema (z.B. Triest) einen Kriminalroman macht. Oder ihr Eingeständnis, manchmal schlecht zu recherchieren: Einen Hund stellte sie mit schweißnassem Fell dar.

Beim Mittagessen im Marientorzwinger konnten wir weiter über die Urszene und das Schreiben von Romanen sprechen, da sich Edith an unseren Tisch setzte. Auch Titus und Heinz Spreer saßen schon da. An einem anderen Tisch kam es beinahe zu einem schweren Unfall: Anscheinend hatte sich eine Kollegin zu tief über die Kerze gebeugt, ich sah, wie ihre Haare Feuer fingen. Sie und andere waren geistesgegenwärtig genug, das Feuer schnell auszuklopfen. Nicht auszudenken, wenn sie in Panik verfallen wäre!

Titus sprach nach dem Mittagessen über Überarbeitung, und einige werden wohl beim Gedanken an 10 (zehn!!) Überarbeitungen verzweifelt sein. Allerdings bot Titus auch Anleitungen und Checklisten. Titus bearbeitet:

  1. jeden Morgen die Seiten, die er am Vortag geschrieben hat
  2. nach zwei bis drei Wochen einen größeren Sinnzusammenhang (mehrere Kapitel) [Anmerkung: Ich schaffe in zwei bis drei Wochen NICHT mehrere Kapitel!)
  3. nach zwei Monaten einen Teil des Romans
  4. nach einem halben Jahr die Hälfte des Manuskripts
  5. nach einem ganzen Jahr das ganze Manuskript
  6. nach einigen weiteren Wochen noch einmal
  7. gibt er das Manuskript an 2-3 ausgesuchte Testleser, fügt Verbesserungen basierend auf ihren Rückmeldungen ein
  8. nimmt sich sein Lektor zunächst einmal der Inhalte an
  9. in einer zweiten Runde des Stils und der Rechtschreibung
  10. korrigiert Titus die Druckfahnen.

Es wundert dann nicht mehr, dass er sein erschienenes Buch nicht noch einmal liest…

Titus formulierte Fragen zum Überarbeiten und erläuterte uns, warum sie so wichtig sind. Kurz zusammengefasst:

  • Der Leser muss wissen, wo und aus wessen Sicht die Handlung erzählt wird
  • Die Szene muss lang genug sein und im richtigen Moment abbrechen (Titus schilderte seine Probleme mit zu kurzen Szenen aus Angst, zu viel zu “labern”)
  • Die Figuren müssen ihr ganzes Können einsetzen
  • Die Szene muss aus dem richtigen Blickwinkel erzählt werden
  • Die Dialoge müssen glaubwürdig sein
  • Keine Wort- oder Konstruktions-wiederholungen
  • Keine überflüssigen Adjektive
  • Konkret sein und alle Sinne ansprechen (fühle Sandkörner beim Barfußlaufen)

Auch die Sprache muss passen, der Leser soll den Roman nicht analysieren müssen, sondern ihn erleben (wie Filmmusik – man weiß, jetzt passiert gleich etwas, ohne bewusst auf die Musik zu hören).

Mit vielen Beispielen lockerte er seinen Vortrag auf. Bei Dialogen sollte man auch zwischen den Zeilen lesen (was meint eine Frau, wenn sie sagt, dass ihr kalt sei?). Oder der Tipp, sich das Manuskript selbst laut vorzulesen. Und besonders hilfreich: Die Zeit für sich arbeiten zu lassen: Man fängt ein Thema an und geht dann abwaschen oder spazieren, und die Probleme lösen sich von selbst (eigentlich werden sie vom Unterbewusstsein gelöst). Und vor allem: Die ersten dreißig Seiten des ersten Romans müssen die besten sein, die wir schreiben können – sie müssen einen Lektor überzeugen.

Zuletzt, aber nicht als Geringster (klingt auf Englisch viel besser) referierte Roland Rosenbauer (rechts, am Rednerpult) zum Thema “Schreiben fürs Hören – Verständlich formulieren”. Sein Vortrag ist vollständig in den wie auch im Vorjahr hervorragenden Tagungsunterlagen enthalten. Meine Quintessenz: Schon beim Schreiben muss ich überlegen, welche Textpassagen ich einmal vorlesen könnte.

Das Abendessen beim “Barfüßer” wurde einigen zu viel, auch ich kämpfte – immerhin erfolgreich, die Waage wird es nicht danken – gegen eine Gemüselasagne.

Danach gab es wieder Lesungen der TeilnehmerInnen, ein Programmpunkt, an dem ich auch einmal teilnehmen möchte. Wie immer wurde auf die gelungenen Stellen hingewiesen, aber auch sehr konstruktiv auf fragwürdige Textbereiche – durchaus mit unterschiedlicher Meinung.

Wir hörten den Beginn einer Dreiecksbeziehung bei einem Seminar, eine sehr moderne und schräge Version des Märchens vom Rotkäppchen, den Beginn einer Nachkriegsfamilien-geschichte über eine verlorene Schwester, Gedichte und Aphorismen in gereimter Form (sehr mutig der Versuch, trotz Anwesenheit von “native Speakern” Kaiser Franz Joseph im Originaldialekt reden zu lassen), den Beginn eines Romans über Leprakranke im 13. Jahrhundert, ein Kinderbuch-Manuskript über ein elfjähriges Mädchen mit einem wahrscheinlich unter Epilepsie leidenden kleinen Bruder und eine zur Familienkrise führende Beobachtung zweier Katzen.

Im Strom der Teilnehmer gelangte ich dann ins Literaturcafé, wo ein kleiner Rest sich noch über frühkindliche Erinnerungen (Urszene!), Schule (insbesondere die österreichische!) sowie Nach- und Kriegserinnerungen unterhielt.
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Am Freitag um 11 gab es dort ein weiteres Treffen. Wir tauschten internationale juristische Seltsamkeiten aus, wobei sich Heinz Spreer als unschlagbarer Kenner des deutschen Strafrechts herausstellte. Wir Österreicher hatten ohnehin eine (schreibende) Anwältin dabei, und die schwyzer Kollegin ließ sich von ihren Polizisten auch nichts gefallen.
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Auch auf unsere E-Mail-Schreibgruppe möchte ich noch hinweisen. In letzter Zeit (und auch davor) waren die Aktivitäten eher bescheiden, aber wer weiß?

Abschließend mein Dank an Ursula Schmid-Spreer und Heinz Spreer für die hervorragende Organisation. Ich werde nächstes Jahr sicher wiederkommen.

Sollte jemand mit der Veröffentlichung seines Bildes nicht einverstanden sein, bitte eine kurze E-Mail an mich.

Trott und Motivation

•Sa, 16. Mai 2009 • Kommentar schreiben

Wie ich letzte Woche schrieb, bedeutet das Verlassen des gewohnten Alltags für mich neue Erfahrungen, zusätzliche Bekanntschaften und andere Eindrücke – alles für Reisende selbstverständlich. Worauf ich allerdings bei meinen letzten “Ausbrüchen” geachtet habe: Gewisse Konstanten im Alltag trotzdem durchzuführen – das Schreiben der “Morgenseiten” habe ich bei beiden Ausflügen beibehalten, aber auch die eine Seite am Abend, die in einem Jahr zu einem kompletten Roman führen könnte, schrieb ich kontinuierlich weiter. Meine Outlook-Eintragungen verwalte ich auch regelmäßig, und die lückenlose Erfassung der Einfälle und Ideen – meistens in Aufgaben umgearbeitet – funktioniert auch: Es werden immer mehr, aber durch die konsequente Anwendung diverser Ansichtstechniken im Outlook bleibt mir trotzdem der Überblick erhalten. Und jeden zweiten oder dritten Tag sehe ich die Aufgaben durch und verlängere die Fälligkeitstermine.

Ich habe auch eine Hängeregistratur angelegt, mit Tagen und Monaten durchnummeriert (43-Ordner-System), benutze sie aber maximal einmal in der Woche, weil ich einfach zu wenig Papier im Durchlauf habe. Allerdings kann ich dort andere Dinge “versenken”, an die ich denken muss. Wie ich in Motivation I+II beschrieben habe, versuche ich gerade, Outlook mit David Allens GTD-Methode zu verschränken und das Ganze dann an meinen persönlichen Arbeitsstil anzupassen. Momentan sind mein Schreibtisch und mein Eingangsordner total überladen, was für mich aber weniger Demotivation bedeutet als früher, weil ich weiß, dass das Aufräumen bedeutet schneller geht als bisher, wenn ich mich konsequent dahinterklemme.

Alles in allem bin ich noch nicht zufrieden, aber trotz Krankheit und Reisen habe ich es geschafft, eine weitere Konstante zu meinen anderen Umstellungen hinzugefügt: Ich lese wieder mehr, nicht nur Fachliteratur, sondern auch “nur” zum Vergnügen: Eine halbe Stunde pro Tag. Nicht viel, aber wie sagte Neil Armstrong: Ein kleiner Schritt…

Aus dem Trott

•So, 10. Mai 2009 • Kommentar schreiben

Diesmal mit einem Tag Verspätung: Es ist bereits die 4. Woche, in der ich meine Meinung, meine Gedanken und meine Erfahrungen ins Netz stelle. Die Verspätung resultiert aus meiner Abwesenheit vom gewohnten Schreibort: Ich befinde mich in Frankreich, in Haute Provence an einer Forschungseinrichtung im Rahmen eines internationalen EU-Seminars. Als ich von diesem Seminar erfuhr, war ich zuerst sehr skeptisch, ob ich fahren sollte – “fahren” im allgemeinen Sinne, natürlich bin ich geflogen – das Thema interessierte mich schon, zumindest das wenige, das ich darüber erfahren hatte, aber lohnte sich letztlich der ganze Aufwand?

Aber da ich beschlossen hatte, meine Trägheit so gut wie möglich zu überwinden, meldete ich mich doch an und bestellte im Internet Flugkarten. Zu Beginn der Woche wurde ich überdies auch noch krank, ich hatte also eine gute Ausrede, abzusagen. Doch die von mir vorfinanzierten Flugtickets weckten meinen Geiz: Ich war nicht sicher, ob ich im Falle, dass ich nicht gefahren wäre, die Kosten refundiert bekommen hätte. Also begab ich mich zum Arzt und ließ mich mit Antibiotika behandelt.

Die Reise überstand ich einigermaßen gut, und die Luftveränderung – zuerst Marseille direkt am Mittelmeer, dann auf 600 m Seehöhe in der Provence – bekam mir ausgezeichnet: Ich bin noch nicht ganz gesund, aber kann wieder ohne Probleme schlafen und konnte ohne weiteres dem Programm folgen.

Welche Schlüsse ziehe ich daraus für mich? Ich brauche ab und zu das Verlassen der gewöhnlichen, ausgetretenen Wege. In den meisten Fällen führen diese (doch kleinen) Veränderungen zu positiven Erlebnisse. Hier zum Beispiel lernte ich eine Menge freundliche Leute aus halb Europa kennen: Griechen, Briten, Rumänen, Polen, Portugiesen, Iren, Belgier, Tschechen, und natürlich Franzosen. Diese Kontakte helfen mir, meine doch vorhandenen Vorurteile abzubauen und offen auf meine Mitmenschen aus aller Welt zuzugehen. Und das allein ist doch ein bisschen Anstrengung wert!

Macht und Verantwortung

•So, 3. Mai 2009 • Kommentar schreiben

Vor ein paar Tagen lud ein Freund zu einem Treffen in einem 400 Jahre alten Haus ein, das er vor einigen Jahren geerbt hatte. Es steht im kleinen Ort Stein an der Donau, der sich seinen mittelalterlichen Charakter gut bewahrt hat. Erstaunlicherweise kann man noch immer durch den ganzen Ort mit dem Auto fahren und überall parken, ohne dafür den sonst überall üblichen Kurzparkzonentarif entrichten zu müssen. Und noch erstaunlicherweise gibt es keine für einen Kurzbesucher ersichtlichen Probleme der verschiedenen Verkehrsteilnehmer miteinander. Auch Kinder kann man – wie früher üblich – “eigenverantwortlich” zum Einkaufen schicken und muss keine Angst haben, dass sie “unter die Räder kommen”.

Das brachte mich auf die Überlegung, ob die Abnahme der Verantwortung durch die Regulierungswut diverser Organisationen uns eigentlich gut tut, oder ob wir – natürlich mit Ausnahmen – nicht unser eigenes Wertesystem anwenden können. Doch passen die Wertesysteme unterschiedlicher Menschen immer zusammen? Schon Kant versuchte vor mehr als 225 Jahren, mit seinem “Kategorischen Imperativ” eine dem Menschen innewohnende Moral zu definieren – wie auch diverse Religionsgründer in den letzten Jahrtausenden. Das Experiment des Realsozialismus zeigte auch die Grenzen der “freiwilligen Selbstkontrolle” auf:

Bei Wahl zwischen Altruismus und Macht entscheiden sich viele Menschen für die Macht. Wie wir in vielen Fällen beobachten können, korrumpiert aber Macht – auch demokratisch erteilte – den Machtinhaber, und seine Eigensicht beginnt wesentlich von seiner Fremdsicht abzuweichen. Er – oder natürlich auch sie – betrachtet seine Ideen und Meinungen als unfehlbar, wird kritikresistent und beginnt, sich mit Ja-Sagern und Opportunisten zu umgeben. Unliebsame Kritiker werden als Dummköpfe und Unwissende hingestellt, Fehler als zufällige Ereignisse interpretiert. Später erfolgt eine Legitimisierung aus der Tatsache des Machtanspruches heraus, wie der Diktator Robert Mugabe in einer Ansprache vor seiner Partei dokumentiert: “Zimbabwe is mine”. Auch er war einmal ein Freiheitskämpfer, der das Beste für sein Land wollte.

Wie im Großen kann man diese Entwicklung auch im Kleinen beobachten: Eltern schaffen es nicht, ihren Kindern, wenn diese erwachsen werden, auch größere Freiräume einzuräumen. Sie glauben zu wissen, was für ihre Kinder am besten ist, und verlegen diesen damit oft ihren Lebensweg. Lebens(abschnitts)partner üben nur mehr Druck aufeinander aus, es bestimmt nicht mehr das Wohlbefinden des Anderen die Handlungen – wie am Anfang der Beziehung – sondern die eigenen Vorstellungen sollen auf jeden Fall durchgesetzt werden.

Häufig zu beobachten ist auch, dass Personen, die sehr altruistisch veranlagt sind, zu Depressionen und Burn-Out tendieren. Kein Wunder, wenn sie immer von anderen ausgenützt oder als hilfreiche Idioten behandelt werden.

Was bleibt also als Resümee? Eine Wunschvorstellung, dass wir alle so zusammenleben könnten, dass sich unsere Wünsche und Vorstellungen in einem gemeinsamen Nenner treffen. Und dass dieser nicht der kleinste ist.

Reattribuierung II

•Sa, 25. April 2009 • Kommentar schreiben

Natürlich habe ich zum Thema der letzten Woche weiter recherchiert:

  • Amazon hat mir das Buch “Wie ich die Dinge geregelt kriege: Selbstmanagement für den Alltag” von David Allen empfohlen. Das heißt, empfohlen wirde mir ein anderes Buch, aber dieses war auch in der Liste, die Amazon für treue Kunden aufbereitet. Die Rezension klang so vielversprechend, dass ich sofort weiter im Internet suchte. Die Methode David Allens heißt eigentlich “Get Things Done” (GTD) und ist besonders schön auf der Webseite von imgriff.com dargestellt. Ich habe sie sofort dazu verwendet, meinen Schreibtisch aufzuräumen, und war wirklich innerhalb einer Stunde fertig. Dazu verwendete ich das Vier-Felder-System:
  1. Feld: Dinge, die weggeworfen werden (die meisten) – natürlich nach Müllsorte getrennt.
  2. Feld: Dinge, die man jemand anderen aufhalsen kann (delegieren) – funktioniert bei mir meistens nicht, da meine Umgebung ähnliche Probleme hat wie ich.
  3. Feld: Dinge, die ich in 2 Minuten erledigen kann – erstaunlich, wie viel einfach zu Erledigendes ich ständig vor mir herschiebe (hergeschoben habe ?!). In einer Stunde kann man mindestens 30 so kleine Dinge erledigen!
  4. Feld: Was übrig bleibt, sollte sehr wenig sein. Das wird in eine Aufgabenliste eingetragen; zusätzlich notiert man gleich den ersten Schritt, den man zur Erledigung tun muss. Vorsicht: Hier liegt jede Menge Möglichkeit, Zeit mit der Detailplanung zu verlieren! Also wirklich nur kurz den ersten Schritt notieren.

Mit 4. hatte ich meine Probleme, momentan liegt dieser Stapel wieder auf meinem Schreibtisch, nach einer Woche Übung traue ich mir zu, ihn schneller abzuarbeiten als letztens.

Zur Methode gehört auch eine strukturierte Ablage, die nach Möglichkeit aus Hängemappen bestehen sollte, die sehr flexibel sind. Irgendwo an zentraler Stelle sollte ein Eingangskorb sein, der täglich geleert wird. Die Ablage enthält dann 43 Mappen, die die einzelnen Tage eines Monats und die Monate eines Jahres repräsentieren. Täglich in der Früh wird die Tagesmappe geleert und hinter die nächste Monatsmappe eingeordnet. Der Inhalt wird nach der Methode bearbeitet. Eine Wiedervorlage erfolgt automatisch, indem man ein Dokument in die entsprechende Mappe einräumt. Derzeit bin ich am Aufbau dieser Ablage.

Zusätzlich muss ich natürlich die letzte Woche geschilderte Outlook-Verwendung anpassen. Einige neue Kategorien dazu habe ich schon definiert, bin aber noch weit davon entfernt, damit zufrieden zu sein. Vor allem Seiwerts 25000$-Ansicht fehlt mir momentan noch sehr. Das wird einer der nächsten Punkte sein, den ich bearbeiten werde..

  • Im Outlook fand ich eine Einstellung, die meiner Arbeitsweise sehr entgegenkommt: Serien mit Wiederholungen einen bestimmten Zeitraum nach Erledigung des letzten Vorgangs (Outlook-Fachbegriff für alles. Siehe Vorgangsliste). Damit wurde ich seit Donnerstag an dieses Blog erinnert, und, wie ersichtlich, führte diese Erinnerung dazu, dass ich es schrieb.

Natürlich notiere ich die meisten Aufgaben in meinem Handy, bin aber da noch immer in der Gewöhnungsphase und vergesse mitunter auf diese schöne Möglichkeit. Aber die Übung bringt ständige Verbesserungen mit sich.

Reattribuierung

•Sa, 18. April 2009 • Kommentar schreiben

Seit meinem letzten Blog-Eintrag ist fast ein Jahr vergangen, wie ich dort ausführte, ist das auf meine tiefverwurzelte Prokrastination zurückzuführen, die oft auch Aufschiebekrankheit genannt wird. Doch ich habe daran gearbeitet. Das Zauberwort heißt Reattribuierung, die Wiedergewinnung gewünschter Eigenschaften. Ein Reattributionstraining ist langwierig und hat Ähnlichkeit mit einem Entzug – man muss eingeprägte Gewohnheiten immer wieder hinterfragen und neue erwünschte Handlungen immer wieder in Erinnerung rufen und einüben.

Ich begann damit, dass ich in der Früh ein paar Seiten mit der Hand schrieb – jeden Tag. Seit Ende September 2008 habe ich kaum einen Tag ausgelassen, an dem ich nicht drei Morgenseiten schrieb – einfach den Stift über das Papier bewegen, ohne viel nachzudenken und ohne den inneren Zensor zu befragen. Nach ein paar Monaten fanden auch meine Träume ihren Weg in die Morgenseiten – wo sollte ich sie sonst aufschreiben? Und es trat die erste Veränderung ein: von einem (nahezu) traumlosen Menschen – wie ich mich sah – entwickelte ich mich zu einem lebhaften Träumer, der fast täglich zumindest einen Traum, manchmal auch zwei hat –an die ich mich separat erinnern kann!

Dazu parallel wollte ich am Abend hundert Wörter in den Computer schreiben – und vergaß oft darauf. Erst nachdem die Morgenseiten Routine im besten Sinne geworden waren, entwickelten sich auch die Abendseiten langsam zu einer Gewohnheit – seit Dezember einigermaßen, im Jänner fehlen noch ein paar Tage, aber seit Februar wirklich konstant. Mittlerweile habe ich auch das Schreibvolumen erhöht, das ist dann kaum ein Problem: Zuerst auf zweihundert Wörter, kurz darauf schon auf eine Seite, was ungefähr zweihundertsiebzig Wörtern entspricht.

Die nächste Änderung nahm ich wieder nach zwei Monaten vor – schon lange wollte ich wieder zu laufen beginnen. Anfang März war es soweit: Ich fand in einer Stadtzeitung die Einladung zu einem Kanallauf. Da mich Kanäle immer schon interessiert habe – als Jugendliche unternahmen wir Wanderungen durch die unterirdische Bachwelt, da in Großstädten kaum mehr offene Gewässer übrig bleiben – beschloss ich, an diesem Lauf von etwa 10 km Länge teilzunehmen. Dazu musste ich aber ein Trainingsprogramm entwerfen und absolvieren. Ich begann und lief in kurzer Zeit bereits eineinhalb Stunden am Tag, fast jeden Tag. “Laufen” in meinem Sinne ist kein “Rennen”, ein schneller Fußgänger könnte mich überholen. Ich wäre für den Kanallauf fit gewesen, zwar nicht schnell, aber vom Durchhaltevermögen her – wenn ich nicht darauf vergessen hätte! Damit stand die nächste Reattribuierung fest: Ich musste meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

Zufällig fiel mir beim Stöbern in der Stadtbibliothek das Buch von Lothar Seiwert und Ko-Autoren in die Hände: Zeitmanagement mit Outlook. Mit wachsender Begeisterung erkannte ich, welche Möglichkeiten das von mir nicht sonderlich geschätzte Programm bot. Schrittweise begann ich die Tipps umzusetzen, ich wusste ja, dass alles auf einmal nicht ging. Vor eine Hürde stellte mich die Verschriftlichung: Alles, was einem einfiel, sollte man sofort niederschreiben. Das war für mich ungeeignet: Zettel verlor ich, und wenn nicht, vergaß ich darauf. Ein Mini-Notizbuch benützte ich auch – die erste Zeit. Dann wurde es zur ungebrauchten Nutzlast. Ich sprach Texte auf mein Handy – und hörte sie nicht mehr an. Lothar Seiwert erwähnte dies in seinem Hörbuch Wenn Du es eilig hast, gehe langsam, ohne dann jedoch näher darauf einzugehen. Ich musste also etwas finden, das leicht zu bedienen und immer dabei war und möglichst mit Outlook zusammenarbeiten konnte. Nachdem ich einen weiteren wichtigen Termin fast versäumt hätte, kam ich darauf – es war so naheliegend: Fast jedes moderne Handy besitzt einen Organizer oder zumindest einen Kalender, kaum jemand benützt diese Funktion. Mit einer Investition von ein paar Stunden hatte ich beide Teile verbunden: Wenn ich jetzt mein Handy am USB-Anschluss meines Notebooks anschließe, brauche ich nur ein paar Minuten warten und alle Daten und Termine sind synchronisiert. Der Vorteil: Das Handy ist immer dabei und erinnert mich an Termine und Aufgaben – dieser Blog-Eintrag ist Ergebnis eines Gespräches und meines abendlichen Laufes. Ich hätte ohne Erinnerung wieder darauf vergessen.

Zurzeit plane ich weitere Reattribuierungen: ich will wieder mehr lesen, mehr schreiben und meine sonstigen Arbeiten rechtzeitig beginnen, um nicht in Zeitdruck zu kommen. Obwohl…das scheint mir ein zweischneidiges Schwert zu sein: Wenn ich genügend Zeit habe, beginne ich dann meinen Perfektionismus auszuleben und beende trotzdem nichts?