Ein zweites Mal über ein Ereignis zu schreiben fällt mir schwerer als gedacht. Irgendwie soll es doch ein Bericht – auch als eigene Gedächtnisstütze – sein, irgendwie aber auch etwas Neues, ich möchte ja eventuelle Blog-Leser nicht langweilen. Dazu kommt, dass ich dieses Blog nach zwei Tagen ohne Schreiben (natürlich mit guten und akzeptablen Ausreden) erstelle, offline, weil ich in meinem Hotel in Nürnberg sitze, und spät am Abend, weil wir bis jetzt noch zusammengesessen sind. Veröffentlichen konnte ich es aber leider erst in der Früh, weil mein Roaming nicht frei geschaltet war.
Von Anfang an erschien mir dieses Treffen wesentlich lockerer als das erste, vielleicht lag es an mir, weil ich mich doch als eher introvertierten Typ sehe, aber sicher auch daran, dass mich Ursula Schmid-Spreer bereits beim Betreten der Grauersche Antiquariatsbuchhandlung mit
“Hallo Gerhard, schön, dass Du wieder dabei bist” begrüßte. Als sie mir mitteilte, dass die Wiener schon da wären und noch draußen wartete, war ich leicht irritiert: Ich wusste zwar von vier Grazern, aber Wiener?
Es stellte sich heraus – und ich gestehe, dass ich mich auf die Vortragenden nicht vorbereitet habe – dass diesmal zwei Autoren lesen würden: Edith Kneifl kommt wirklich aus Wien und schreibt für einen österreichischen Verlag Kriminalromane. Sie führte uns in die Abgründe des Attersees und seiner Umgebung ein. Wie sie vorher schon androhte, schreibt sie wirklich knallharte Psychothriller und weckte die Leselust in uns.
Titus Müller las kurz aus seinem schon 2003 erschienenen Buch “Die Priestertochter” (über ein slawisches Volk und seine grausamen Riten), das er heute ganz anders schreiben würde. Da er zu diesem Buch keine Beziehung mehr hat – er recherchiert bis zu einem Jahr und schreibt dann als Spezialist sein Buch, danach macht er den Kopf frei für das nächste – erheiterte er uns noch mit ein paar Geschichten aus seinem Leben, wie er sie in seinem Weblog beschreibt. Als bekennender Eisenbahn-Fan begeisterte mich seine Erzählung über den Sprung in den gerade abfahrenden Zug,
der nach ein paar Metern mit geschlossenen Türen am Abstellgleis stehen blieb. Titus wusste sich zu helfen und rief die Bundesbahn-Hotline an, deren Nummer in allen Zügen angebracht ist – ein Lokführer musste ihn aus dem Zug holen und über die Gleise führen. Nachzulesen sind diese Geschichten in zwei kleinen Bändchen über die Widrigkeiten des Lebens.
Edith und Titus standen dann noch für Fragen zur Verfügung. Auch Titus hatte Fragen an Edith. Dann lud Ursula noch zu einem “Absacker” in die Kellerbrauerei “Barfüßer”.
Heinz Spreer begrüßte mich beim Aufbruch mit einem festen Händedruck und “Mein Freund, der Blogger”, was mich sehr freute, besonders im Hinblick auf meine in diesem Blog schon mehrfach beschriebenen Probleme mit dem regelmäßigen Schreiben.
Da nach diesem Ausflug der Abend für Österreicher noch jung war und wir so kurz vor Mitternacht nicht schlafen gehen wollten, suchten Gerry und ich noch den Nürnberger Perry-Rhodan-Stammtisch – “suchen” ist der falsche Begriff im Zeitalter (fast) unfehlbarer Navigationsgeräte. Im Lokal spielten noch vier Leute ein Kartenspiel und zwei sahen fern, die, die wir suchten, waren aber “schon lange” gegangen.
Nach dem üblichen guten (und für mich eigentlich bescheidenen) Frühstück – was nicht am Hotel lag, sondern an meiner
Unzufriedenheit mit meinem Gewicht – spazierte ich durch die mir mittlerweile vertraute Nürnberger Altstadt zum Bildungszentrum. Gerry und Andrea hatten mir schon einen Platz besetzt, Paul kam auch dazu. Mit Tee und Saft gestärkt, folgten wir der Eröffnung des Autorentreffens durch Ursula Schmid-Spreer.
In bereits gewohnt launiger Rede informierte sie uns über diverse Statistiken, die sie zum Treffen erstellt hatte. An den verbrauchten 360 Schwarzteebeuteln war ich sicher beteiligt, an den vierzig Litern Milch nicht, obwohl davon allein zwölf im Vorjahr anfielen, wahrscheinlich schon an den mehreren tausend Klopapierrollen und Papierhandtüchern, die das Bildungshaus anscheinend einzeln in Rechnung stellte.
Edith Kneifl eröffnete den Vortragsreigen und erläuterte uns die Hintergründe der Beziehung des Autors/der Autorin und des Lesers/der Leserin zu den einzelnen Figuren aus psychoanalytischer Sicht – sie ist ausgebildete Psychoanalytikerin (“sechs Jahre Couch viermal die Woche” macht ungefähr 1200 Sitzungen) und praktiziert in Wien. Beim Abschlussbeisammensitzen im Literaturcafé fragten wir sie, ob sie Personen und Vorfälle aus der Therapie zum Schreiben verwende: Nein, weil sie keine Verbrecher therapiert. Allerdings informiert sie jeden Patienten vor Beginn der Therapie über ihren Zweitberuf und fragt ihn, ob ihn das nicht störe – Patientinnen selbstverständlich auch.
Edith hielt sich streng an ihre Rauchpausen – wie sie mir beim Gang zum Mittagessen erklärte, ein Relikt aus der “oralen Phase” – was mir asthmatischen Nichtraucher Gelegenheit zu Gesprächen mit anderen Teilnehmern gab. Ich liebe diese Gespräche und halte sie für einen ganz wichtigen Punkt des Autorentreffens.
In der Schlussdiskussion zu ihrem Vortrag stieß insbesondere das Konzept der Urszene als Grundlage aller Kriminalgeschichten auf große Beachtung: Das sehr kleine Kind beobachtet zufällig geschlechtliches Beisammensein von Erwachsenen, insbesondere der Eltern. Es reagiert darauf mit Ängsten, aber auch ödipalen Verhaltensweisen und Schuldkomplexen. Selbst Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, sollen diese Szene in ihren Phantasien ausleben – mit den gleichen Nebenwirkungen. Dieses Konzept diskutierten wir am Abend auch noch einmal.
Doch auch der Einblick in ihre Arbeitsweise, den sie uns gewährte, war spannend: Zum Beispiel, dass sie aus Kurzgeschichten zu einem Thema (z.B. Triest) einen Kriminalroman macht. Oder ihr Eingeständnis, manchmal schlecht zu recherchieren: Einen Hund stellte sie mit schweißnassem Fell dar.
Beim Mittagessen im Marientorzwinger konnten wir weiter über die Urszene und das Schreiben von Romanen sprechen, da sich Edith an unseren Tisch setzte. Auch Titus und Heinz Spreer saßen schon da. An einem anderen Tisch kam es beinahe zu einem schweren Unfall: Anscheinend hatte sich eine Kollegin zu tief über die Kerze gebeugt, ich sah, wie ihre Haare Feuer fingen. Sie und andere waren geistesgegenwärtig genug, das Feuer schnell auszuklopfen. Nicht auszudenken, wenn sie in Panik verfallen wäre!
Titus sprach nach dem Mittagessen über Überarbeitung, und einige werden wohl beim Gedanken an 10 (zehn!!) Überarbeitungen verzweifelt sein. Allerdings bot Titus auch Anleitungen und Checklisten. Titus bearbeitet:
- jeden Morgen die Seiten, die er am Vortag geschrieben hat
- nach zwei bis drei Wochen einen größeren Sinnzusammenhang (mehrere Kapitel) [Anmerkung: Ich schaffe in zwei bis drei Wochen NICHT mehrere Kapitel!)
- nach zwei Monaten einen Teil des Romans
- nach einem halben Jahr die Hälfte des Manuskripts
- nach einem ganzen Jahr das ganze Manuskript
- nach einigen weiteren Wochen noch einmal
- gibt er das Manuskript an 2-3 ausgesuchte Testleser, fügt Verbesserungen basierend auf ihren Rückmeldungen ein
- nimmt sich sein Lektor zunächst einmal der Inhalte an
- in einer zweiten Runde des Stils und der Rechtschreibung
- korrigiert Titus die Druckfahnen.
Es wundert dann nicht mehr, dass er sein erschienenes Buch nicht noch einmal liest…
Titus formulierte Fragen zum Überarbeiten und erläuterte uns, warum sie so wichtig sind. Kurz zusammengefasst:
Auch die Sprache muss passen, der Leser soll den Roman nicht analysieren müssen, sondern ihn erleben (wie Filmmusik – man weiß, jetzt passiert gleich etwas, ohne bewusst auf die Musik zu hören).
Mit vielen Beispielen lockerte er seinen Vortrag auf. Bei Dialogen sollte man auch zwischen den Zeilen lesen (was meint eine Frau, wenn sie sagt, dass ihr kalt sei?). Oder der Tipp, sich das Manuskript selbst laut vorzulesen. Und besonders hilfreich: Die Zeit für sich arbeiten zu lassen: Man fängt ein Thema an und geht dann abwaschen oder spazieren, und die Probleme lösen sich von selbst (eigentlich werden sie vom Unterbewusstsein gelöst). Und vor allem: Die ersten dreißig Seiten des ersten Romans müssen die besten sein, die wir schreiben können – sie müssen einen Lektor überzeugen.
Zuletzt, aber nicht als Geringster (klingt auf Englisch viel besser) referierte Roland Rosenbauer (rechts, am Rednerpult) zum Thema “Schreiben fürs Hören – Verständlich formulieren”. Sein Vortrag ist vollständig in den wie auch im Vorjahr hervorragenden Tagungsunterlagen enthalten. Meine Quintessenz: Schon beim Schreiben muss ich überlegen, welche Textpassagen ich einmal vorlesen könnte.
Das Abendessen beim “Barfüßer” wurde einigen zu viel, auch ich kämpfte – immerhin erfolgreich, die Waage wird es nicht danken – gegen eine Gemüselasagne.
Danach gab es wieder Lesungen der TeilnehmerInnen, ein Programmpunkt, an dem ich auch einmal teilnehmen möchte. Wie immer wurde auf die gelungenen Stellen hingewiesen, aber auch sehr konstruktiv auf fragwürdige Textbereiche – durchaus mit unterschiedlicher Meinung.
Wir hörten den Beginn einer Dreiecksbeziehung bei einem Seminar, eine sehr moderne und schräge Version des Märchens vom Rotkäppchen, den Beginn einer Nachkriegsfamilien-geschichte über eine verlorene Schwester, Gedichte und Aphorismen in gereimter Form (sehr mutig der Versuch, trotz Anwesenheit von “native Speakern” Kaiser Franz Joseph im Originaldialekt reden zu lassen), den Beginn eines Romans über Leprakranke im 13. Jahrhundert, ein Kinderbuch-Manuskript über ein elfjähriges Mädchen mit einem wahrscheinlich unter Epilepsie leidenden kleinen Bruder und eine zur Familienkrise führende Beobachtung zweier Katzen.
Im Strom der Teilnehmer gelangte ich dann ins Literaturcafé, wo ein kleiner Rest sich noch über frühkindliche Erinnerungen (Urszene!), Schule (insbesondere die österreichische!) sowie Nach- und Kriegserinnerungen unterhielt.


Am Freitag um 11 gab es dort ein weiteres Treffen. Wir tauschten internationale juristische Seltsamkeiten aus, wobei sich Heinz Spreer als unschlagbarer Kenner des deutschen Strafrechts herausstellte. Wir Österreicher hatten ohnehin eine (schreibende) Anwältin dabei, und die schwyzer Kollegin ließ sich von ihren Polizisten auch nichts gefallen.


Auch auf unsere E-Mail-Schreibgruppe möchte ich noch hinweisen. In letzter Zeit (und auch davor) waren die Aktivitäten eher bescheiden, aber wer weiß?
Abschließend mein Dank an Ursula Schmid-Spreer und Heinz Spreer für die hervorragende Organisation. Ich werde nächstes Jahr sicher wiederkommen.
Sollte jemand mit der Veröffentlichung seines Bildes nicht einverstanden sein, bitte eine kurze E-Mail an mich.
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