Reattribuierung

Seit meinem letzten Blog-Eintrag ist fast ein Jahr vergangen, wie ich dort ausführte, ist das auf meine tiefverwurzelte Prokrastination zurückzuführen, die oft auch Aufschiebekrankheit genannt wird. Doch ich habe daran gearbeitet. Das Zauberwort heißt Reattribuierung, die Wiedergewinnung gewünschter Eigenschaften. Ein Reattributionstraining ist langwierig und hat Ähnlichkeit mit einem Entzug – man muss eingeprägte Gewohnheiten immer wieder hinterfragen und neue erwünschte Handlungen immer wieder in Erinnerung rufen und einüben.

Ich begann damit, dass ich in der Früh ein paar Seiten mit der Hand schrieb – jeden Tag. Seit Ende September 2008 habe ich kaum einen Tag ausgelassen, an dem ich nicht drei Morgenseiten schrieb – einfach den Stift über das Papier bewegen, ohne viel nachzudenken und ohne den inneren Zensor zu befragen. Nach ein paar Monaten fanden auch meine Träume ihren Weg in die Morgenseiten – wo sollte ich sie sonst aufschreiben? Und es trat die erste Veränderung ein: von einem (nahezu) traumlosen Menschen – wie ich mich sah – entwickelte ich mich zu einem lebhaften Träumer, der fast täglich zumindest einen Traum, manchmal auch zwei hat –an die ich mich separat erinnern kann!

Dazu parallel wollte ich am Abend hundert Wörter in den Computer schreiben – und vergaß oft darauf. Erst nachdem die Morgenseiten Routine im besten Sinne geworden waren, entwickelten sich auch die Abendseiten langsam zu einer Gewohnheit – seit Dezember einigermaßen, im Jänner fehlen noch ein paar Tage, aber seit Februar wirklich konstant. Mittlerweile habe ich auch das Schreibvolumen erhöht, das ist dann kaum ein Problem: Zuerst auf zweihundert Wörter, kurz darauf schon auf eine Seite, was ungefähr zweihundertsiebzig Wörtern entspricht.

Die nächste Änderung nahm ich wieder nach zwei Monaten vor – schon lange wollte ich wieder zu laufen beginnen. Anfang März war es soweit: Ich fand in einer Stadtzeitung die Einladung zu einem Kanallauf. Da mich Kanäle immer schon interessiert habe – als Jugendliche unternahmen wir Wanderungen durch die unterirdische Bachwelt, da in Großstädten kaum mehr offene Gewässer übrig bleiben – beschloss ich, an diesem Lauf von etwa 10 km Länge teilzunehmen. Dazu musste ich aber ein Trainingsprogramm entwerfen und absolvieren. Ich begann und lief in kurzer Zeit bereits eineinhalb Stunden am Tag, fast jeden Tag. „Laufen“ in meinem Sinne ist kein „Rennen“, ein schneller Fußgänger könnte mich überholen. Ich wäre für den Kanallauf fit gewesen, zwar nicht schnell, aber vom Durchhaltevermögen her – wenn ich nicht darauf vergessen hätte! Damit stand die nächste Reattribuierung fest: Ich musste meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

Zufällig fiel mir beim Stöbern in der Stadtbibliothek das Buch von Lothar Seiwert und Ko-Autoren in die Hände: Zeitmanagement mit Outlook. Mit wachsender Begeisterung erkannte ich, welche Möglichkeiten das von mir nicht sonderlich geschätzte Programm bot. Schrittweise begann ich die Tipps umzusetzen, ich wusste ja, dass alles auf einmal nicht ging. Vor eine Hürde stellte mich die Verschriftlichung: Alles, was einem einfiel, sollte man sofort niederschreiben. Das war für mich ungeeignet: Zettel verlor ich, und wenn nicht, vergaß ich darauf. Ein Mini-Notizbuch benützte ich auch – die erste Zeit. Dann wurde es zur ungebrauchten Nutzlast. Ich sprach Texte auf mein Handy – und hörte sie nicht mehr an. Lothar Seiwert erwähnte dies in seinem Hörbuch Wenn Du es eilig hast, gehe langsam, ohne dann jedoch näher darauf einzugehen. Ich musste also etwas finden, das leicht zu bedienen und immer dabei war und möglichst mit Outlook zusammenarbeiten konnte. Nachdem ich einen weiteren wichtigen Termin fast versäumt hätte, kam ich darauf – es war so naheliegend: Fast jedes moderne Handy besitzt einen Organizer oder zumindest einen Kalender, kaum jemand benützt diese Funktion. Mit einer Investition von ein paar Stunden hatte ich beide Teile verbunden: Wenn ich jetzt mein Handy am USB-Anschluss meines Notebooks anschließe, brauche ich nur ein paar Minuten warten und alle Daten und Termine sind synchronisiert. Der Vorteil: Das Handy ist immer dabei und erinnert mich an Termine und Aufgaben – dieser Blog-Eintrag ist Ergebnis eines Gespräches und meines abendlichen Laufes. Ich hätte ohne Erinnerung wieder darauf vergessen.

Zurzeit plane ich weitere Reattribuierungen: ich will wieder mehr lesen, mehr schreiben und meine sonstigen Arbeiten rechtzeitig beginnen, um nicht in Zeitdruck zu kommen. Obwohl…das scheint mir ein zweischneidiges Schwert zu sein: Wenn ich genügend Zeit habe, beginne ich dann meinen Perfektionismus auszuleben und beende trotzdem nichts?

~ von gerdrau am Sa, 18. April 2009.

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