Recherche
Zur Eindämmung meiner fortgeschrittenen Prokrastination sah ich heute meine gesammelten Aufgaben durch. Dabei bemerkte ich, dass ein Schreibwettbewerb übernächste Woche Einsendeschluss hat. Natürlich fiel mir sofort dazu der Plot einer Geschichte ein, das gelingt mir immer, wenn die Zeit schon recht knapp ist. Ich weiß noch nicht, ob das ein Selbstschutzmechanismus ist – entweder reicht die Zeit überhaupt nicht für eine Geschichte aus oder ich kann sie nicht ad infinitum bearbeiten – oder einfach ausgeprägte Aufschieberei gepaart mit großer Vergesslichkeit und Unkonzentriertheit. Auf alle Fälle stellte ich bei der Recherche fest, dass in der Nähe meines Wohnortes die Geburtsstätte der Frau des berühmten Astronomen Johannes Kepler lag. Die Neugierde hatte mich gepackt und ich setzte mich in das Auto meiner Frau und fuhr hin.
Die Ortsangabe war in dem Artikel sehr vage, eine Wegbeschreibung hatte ich mir nicht heruntergeladen und mein Navigationssystem war auch zu Hause geblieben. Ich glaubte, zumindest den Straßennamen zu wissen, aber wie ich später feststellte, war das ein Irrtum. So fuhr ich durch das Dorf ohne irgendeine Vermutung, wo das Gebäude sein könnte. Schließlich wendete ich und fragte einen Einheimischen. Zum Glück wusste ich noch, dass das Anwesen jetzt als Lehrlingsheim diente. Er beschrieb mir den Weg und ich musste halbwegs zurück nach Hause fahren, bis ich zur richtigen Abzweigung kam. Natürlich hieß der Weg „Weg“ und nicht Straße, wie ich in die GPS-Karte meines Handys eingegeben hatte. Auch der Ort hatte den Namen gewechselt.
Ich umrundete das Gebäude und machte unter den suspekten Blicken der gerade eintreffenden Lehrlinge und ihrer Eltern von allen Seiten Fotos. Eine große Gedenktafel wies auf das denkwürdige Ereignis vor mehr als vierhundert Jahren hin (an unserer Stadt ging es spurlos vorüber). Als ich die Nebengebäude fotografierte, trat gerade eine Frau mit ihrem Hund in den Garten. Ich sprach sie an, was sie sehr beruhigte, weil sie geglaubt hatte, dass ich zu sinisteren Zwecken ihre im Garten stehenden Autos abgelichtet hatte. Sie konnte mir einiges aus der Gegend erzählen, zusammen mit meinen schon gewonnenen Erkenntnissen ergab sich für mich ein stimmiges Bild, das ich jetzt in eine Kurzgeschichte umsetzen möchte.
Diese schnelle Recherche am Ort des historischen Geschehens hat mir sehr viel Spaß gemacht. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sich schnell zu so etwas aufrafft. Aber das einigermaßen erträgliche Wetter und die Nähe haben die Überwindung leicht gemacht. Auch ein Weg, die Aufschieberitis zu überlisten. Allerdings frage ich mich, ob ich mich damit nicht vor etwas anderem gedrückt habe und wenn ja, wovor?


Hochinteressant, Gerd! Ich mag solche Sachen. Bin ja selbst ein Geschichtefreak. Und wo ist das? Fernitz? LG Renate